Panel I: (Europäisch-ethnologische) Positionierungen

Moderation: Christine Bischoff

 

Alltag, konzeptioniert als selbstverständliche, unhinterfragte Welt der Selbstverständlichkeiten, bildet einen zentralen Fragehorizont der Europäischen Ethnologie. Das erste Panel reagiert darauf, dass sich der Analysefokus durch eine zunehmend praxistheoretische Ausrichtung stark in Richtung des Vollzugs sozialer Praktiken und den mit ihnen korrespondierenden Prozessen der Herstellung soziokultureller Alltagswelten verlagerte. Fokussiert sind Prozesse der Herstellung von Alltag durch Erfahrungen in ihrer subjektiven und soziokulturellen Dimension. Im Fach wurden Wahrnehmungs- und Deutungsmuster soziokultureller Praktiken als Erfahrungen zwar durchaus in den analytischen Blick genommen. Wir wollen das Panel jedoch auch der Frage widmen, wie sich Erfahrungen im Vollzug von Praktiken herausbilden und auf welche kulturtheoretischen Positionen sich die Europäische Ethnologie analytisch diesbezüglich stützt/stützen kann.

 

Christine Schmid (Berlin):
Erfahrungen mit/im/vom Feld: Erfahrungen als Gegenstand und Instrument Europäisch-ethnologischer Wissensproduktion*

Eine der wesentlichen Charakteristiken kulturanthropologischen und europäisch-ethnologischen Forschens ist ihr "experiential and existential character", wie Paul Rabinow
(Rabinow, 2011, S. 79) auf seiner Suche nach einem zeitgenössischen Untersuchungsmodus schreibt. Es werden Erfahrungen im Feld gemacht, methodisch wird mit (sinnlichen) Erfahrungen gearbeitet, über Erfahrungen geforscht, von Erfahrung berichtet und vieles mehr. Die Liste der  'Erfahrung mit Erfahrung' ist im Fach Europäische  Ethnologie und angrenzenden Fächern lang: Der Terminus hat seine eigene Folgeliteratur inklusive konkurrierender Schulen hervorgebracht (Willen und Seeman 2012, 12) und wurde gar teilweise zum Ausgangspunkt jeglichen ethnografischen Arbeitens erklärt (Hastrup 1995, 79). Dementsprechend komplex und unübersichtlich ist eine Auseinandersetzung mit dem Erfahrungsbegriff im Fach. 

Dennoch herrscht meiner Ansicht nach ein erstaunliches Missverhältnis zwischen Proliferation von Auseinandersetzungen mit Erfahrung einerseits und einem Mangel an konzeptioneller Klarheit andererseits: Zwar ist die Situiertheit, Partialität und Gemachtheit von Feldforschungserfahrungen als Grundlage von europäisch-ethnologischer Wissensproduktion vielfach diskutiert, dennoch scheinen mir in Bezug auf andere Dimensionen von Erfahrung – zum Beispiel als analytisches Konzept in Ethnographien, als Gegenstand von Untersuchungen, in seinen Verwicklungen mit der Methode der Teilnehmenden Beobachtung usw. – große Lücken zu bestehen (vgl. u. a. Beck 2015). Der Beitrag Christine Schmids nähert sich Erfahrung zum einen kursorisch als "Instrument kulturanthropologischer Wissensproduktion". Zum anderen wird Erfahrung als Gegenstand ethnografischer Forschungen in den Blick genommen: erstens über Formen, in denen bestimmte Modi von Erfahrung ins Zentrum des Forschungsinteresses gestellt warden; zweitens über Auseinandersetzungen, die ein bestimmtes Schlüsselmerkmal in allen Erfahrungen zum Untersuchungsgegenstand und universellen Merkmal von Erfahrung machen. Entlang von fachgeschichtlichen Rückblicken und Seitenblicken, die Erfahrung verschieden problematisieren, erfolgt die Annäherung an wiederkehrende neuralgische Punkte in der sozial- und kulturanthropologischen Debatte um Erfahrung.

 

 

Stefan Groth (Zürich):
Alltag als Konstante der Erfahrung?*

„Alltag” ist in der Empirischen Kulturwissenschaft kein spezifischer Gegenstands- oder Teilbereich von Gesellschaft, der sich sinnvoll von anderen nicht-alltäglichen Phänomen abgrenzen lässt . Mit der Hinwendung zum Alltag oder zur Lebenswelt wird stattdessen eine methodologische Perspektive beschrieben, die sich einer positiv bestimmten Sphäre zuwendet. In dieser kann sich — je nach spezifischem Ansatz oder Verständnis — subjektiven Deutungen und Praktiken als Erfahrung auf unterschiedliche Art und Weise angenähert werden. Die Differenzkategorie zum Alltag, die diesen in negativer Bestimmung von etwas anderem abgrenzt, bleibt dabei zumeist unbestimmt. Was ist „das Andere” zum Alltag, dass eine Fokussierung auf den Alltag zu einem disziplinären und auch theoretischen Merkmal werden lässt? Und das damit auch eine Eingrenzung des Erfahrungsbegriffs aus empirisch-kulturwissenschaftlicher Perspektive vornehmen lässt? Welche Implikationen für den Erfahrungsbegriff gehen mit unterschiedlichen theoretischen und methodologischen Verständnissen des Alltags einher? Der Beitrag geht diesen Fragen nach, indem er der meist impliziten Spezifik des Alltages in unterschiedlichen Ansätzen des Faches nachspürt und aufzeigt, welche Bedeutung dem Erfahrungsbegriff vor dem Hintergrund verschiedener theoretischer Bezüge zukommt.

 

 

Anna Eckert (Berlin):
Show, don't tell? Zur Verschriftlichung von Erfahrung in Ethnographien

Ethnographische Wissensproduktion basiert auf einer "Kontakt- und Erfahrungssituation" (Hirschauer/Amann). Im Verschriftlichen unserer empirischen Forschung berücksichtigen wir die Instanzen Forschungssubjekt, Autor:in und Leser:in, meist mit dem Ziel, ein Verstehen, eine Nähe (Bönisch-Brednich) oder zumindest eine Wiedererkennbarkeit des Beobachteten in unseren Beschreibungen zu ermöglichen. Während zu Erhebungs- und Auswertungsmethoden ethnographischer Feldforschung umfangreiche Auseinandersetzungen vorliegen, ist es nach der Krise der Repräsentation um Möglichkeiten der Darstellung still geworden. Einfach weiter wie bisher mit etwas mehr Selbstreflexion? Oder jede nach ihrer theoretischen Façon?
Anhand jüngerer Monographien sowie meiner Dissertation "Respektabler Alltag. Eine Ethnographie von Erwerbslosigkeit" thematisiert mein Beitrag die Suche nach Formen. Dabei fokussiere ich praxistheoretische Ansätze, die die Körperlichkeit, Materialität und Situativität des Handelns hervorheben sowie die Darstellungsweise von Porträts, die versuchen, Gespächspartner:innen in ihrem Erfahrungsbereich (Plessner) zu erfassen. Dabei soll es weniger um Vignetten, Metaphern und Zitieren gehen, sondern mehr um Präsentationsformen und konzeptuelle Betonungen.