Panel II: „Für wahr-nehmen“. Praxis, Diskurs, Erfahrung

Moderation: Peter Hinrichs

 

Phänomenologisch orientierte Arbeiten kennzeichnen den Körper als Grundlage und Träger von Erfahrung. Sie konzipieren Erfahrung als implizites Know-How oder Könnerschaft und bringen Körperwissen als über Sprache hinausgehend und nicht über 'diskursive Statements' fassbar ins Spiel. (Welt-)Erfahrungen werden als über die diskursive Formation von Alltag hinausgehend in Anschlag gebracht. So lenkt das zweite Panel die Aufmerksamkeit auf Widersprüchlichkeiten, die sich hier in Bezug auf die Verknüpfung mit – zunehmend stärker rezipierten – diskurstheoretischen Ansätzen ergeben/ergeben können. Aufzuwerfen ist die grundsätzliche Frage, wie sich das Verhältnis zwischen Körper und Erfahrung empirisch bestimmen lässt, wenn Subjekte, ihre Wahrnehmungen und Alltagserfahrungen als von Diskursen bestimmt oder hervorgebracht betrachtet werden.

 

Patrick Bieler, Milena Bister und Jörg Niewöhner (Berlin):
Phänomenografie  Zur Herstellung und Rekonstruktion von Erfahrung in Praxis*

In unserem Beitrag diskutieren wir den Erfahrungsbegriff aus Perspektive einer relationalen Anthropologie (Beck 2008). Dafür greifen wir auf Vorarbeiten aus unserer Gruppe zurück, in denen wir für diese Analyse den Begriff der Phänomenografie eingeführt haben (Niewöhner 2015, Niewöhner et al.  2016). Grundlegend  für diesen Ansatz ist, dass Erfahrung als  sozio‐materieller  und  materiell‐semiotischer  Prozess  verstanden  und  untersucht  wird.  Statt ausschließlich  nach  der  (subjektiven) Erfahrung  einzelner  Personen  in  einem  bestimmten Kontext zu fragen, gehen wir den sozialen, materiellen und symbolischen Praktiken nach, die Erfahrung hervorbringen, ermöglichen oder verunmöglichen. Diese Perspektivierung rückt die Situiertheit von Erfahrung in den Vordergrund ethnografischer Untersuchungen und zielt auf das Zusammenwirken von Praktiken ab, die Erfahrung konstituieren. Damit eröffnen sich auch Fragen nach der Praxis ethnografischen Arbeitens und ihren Effekten. 

Im Workshop wollen wir den phenomenografischen Ansatz am Beispiel unserer Forschung im Bereich "Psychische Gesundheit und Stadt" einer breiteren Debatte innerhalb der KA/EE/EKW zuführen.  Dabei  bauen  wir  auf  jüngere  Arbeiten  innerhalb  der  Kultur‐  und Sozialanthropologie, der Soziologie  sowie der Geografie auf, die psychische Gesundheit als Ergebnis  von  Körper‐,  Versorgungs‐,  Wissens‐  und  Raumordungspraktiken  beleuchten (Schillmeier 2010, Bister, Klausner, and Niewöhner 2016, Fitzgerald, Rose, and Singh 2017, Bieler and Klausner 2019, Winz and Söderström 2020). Ausgehend von drei ethnographischen Forschungsprojekten, in denen wir uns unter anderem mit der sozialpsychiatrischen Versorgung und städtischen Gentrifizierungsprozessen in den Jahren 2011 bis 2019 in Berlin auseinandergesetzt  haben, erörtern  wir,  wie  sich  Erfahrungen  von  psychosozialer  Not gesellschaftlich konstituieren und wie sie sich phänomenografisch als Herstellungsprozess rekonstruieren lassen.  

 

 

Ulrike Huhn (Göttingen):
Auf der Suche nach der biographischen Erfahrung. Methoden ethnographischer Forschung und Oral History in der späten Sowjetunion*

Ethnologen waren in der Sowjetunion seit den Umbrüchen und Neuformierung der sowjetischen Wissenschaftslandschaft in den 1930er Jahren angehalten, einen unmittelbaren Nutzen für den Aufbau des Kommunismus zu erbringen und sich als „Sozialingenieure“ bei der Formung der neuen Gesellschaft zu betätigen (Alymov 2011, Haber 2014). Mit ihren empirischen Forschungen im Feld sollten sie einerseits eine Bestandaufnahme der gegenwärtigen Lebensbedingungen der verschiedenen „Völker der Sowjetunion“ erbringen, andererseits aber zugleich auch einen Beitrag zur konkreten Verbesserung der Lebensumstände wie auch zur Formierung „sozialistischer Subjekte“ leisten. Seit den frühen 1950er Jahren wurden dabei mündliche Befragungen und Interviews in der Disziplin der Ethnographie, damals eine Teildisziplin der Geschichtswissenschaften, verwandt, die auf biographische Erfahrungen der Befragten abzielten. (Gromov 1966, Krjukov/Zel'nov 1988). 

Der Beitrag zeichnet die Interviewerfahrungen und -praktiken sowjetischer Wissenschaftler/innen nach: Welche Erfahrungen machten sie bei ihrer Arbeit, wenn sie Bauern und Arbeiterinnen nach ihren Lebensweisen und nach biographischen Erfahrungen befragten? Mit welchem Selbstverständnis und welchen Zielen arbeiteten Ethnographinnen und Ethnographen im Feld? Im Sinne einer „historischen Interviewforschung“ wird nach Interviewtechniken gefragt, die auf lebensgeschichtliche Erfahrungen zielten. Es geht dabei um den Modus und die Methodik des Fragens in den Interviewsituationen und den Zugang der Akteure zu ihren Gesprächspartner*innen bzw. um „Fragekulturen oder Frageregime“ (Maubach 2013). Ziel ist es nicht, den Nachweis zu erbringen, dass in der sowjetischen Ethnographie narrative biographische Interviews im Sinne der Oral History geführt wurden – dies war nicht der Fall. Deutlich wird aber, dass es im akademischen Kontext der sowjetischen Ethnographie Momente gab, in denen Forscher*innen mit den biographischen Erfahrungen ihrer Respondenten konfrontiert waren. Anhand zweier ausgewählter Fallstudien wird versucht, das Bild
von einer Oral History als reinen 'Westimport' (Grinčenko 2013) zu korrigieren, Distanz zu einer im sowjetischen Kontext primär schriftquellengestützten Geschichtswissenschaft zu schaffen und auf die methodischen Aufbrüche in der sowjetischen Ethnographie hinzuweisen.

 

 

Sabine Eggmann (Basel):
Diskurs - Subjekt - Erfahrung. Eine (un)mögliche Beziehung*

Auf den Begriff des Diskurses bzw. der damit verbundenen Diskursforschung zu rekurrieren, ist auch zum heutigen Zeitpunkt noch immer oder weiterhin ein schwieriges Unterfangen: Sowohl die damit assoziierten Begrifflichkeiten als auch deren theoretische Reichweite und methodische Umsetzbarkeit gelten als diffus, sind oft und in vielen Fächern zur Diskussion gestellt worden und werden disziplinär in den unterschiedlichsten (Aus-)Prägungen verhandelt sowie verwendet. Sich trotzdem immer wieder in dieses Diskussionsfeld zu begeben, birgt meines Erachtens weiterhin Anregung und Potential für kulturwissenschaftliche Forschungen im Fachbereich Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft. Formen, Qualität und Möglichkeiten einer solchen Inspiration gedanklich zu erproben und im Gespräch diskursiv weiterzuentwickeln, soll dementsprechend im Zentrum meiner Präsentation stehen.

Konzentrieren sich zum einen einschlägig diskursanalytische Forschungen – wie ich es selbst in meiner Untersuchung der europäisch-ethnologischen Wissensproduktion unternommen habe (Eggmann 2009) – auf die Herstellung von historisch situierter Wahrheit, sind zum anderen besonders ethnographisch-subjektorientierte Projekte auf die theoretische und methodologische Frage zurückgeworfen (Röthl 2018), wie es denn nun mit dem von Foucault so prominent verabschiedeten Subjekt (Foucault 1998) zu halten sei. Vom Meer verwischt ist das Profil des – in sich ruhenden, sich selbst bewussten und rational agierenden – Subjekts und im Verschwinden begriffen scheinen deshalb auch dessen Charakteristika, wie etwa Erfahrung, Handlungspotential und Intentionalität.

Im Blick auf Redefinitionen foucault’scher Subjektkritik (Butler 1991) und darauf aufbauenden diskurstheoretischen sowie methodologischen Neupositionierungen des Subjekts (Spies/Tuider 2017) möchte ich in meinem Beitrag mögliche – und für die Europäische Ethnologie fruchtbare – Konzeptionalisierungen des Verhältnisses von Diskurs, Subjekt und Erfahrung skizzieren und zur Diskussion stellen. Diese Inverhältnissetzung der Trias Diskurs – Subjekt – Erfahrung basiert auf meiner Auseinandersetzung mit der europäisch-ethnologischen Konzeption eines Subjekts, das dem eigenen Fachverständnis gemäss seine Spezifik sowie seine wissenschaftliche wie gesellschaftliche Relevanz aus der dezidierten Subjektorientierung bezieht (Eggmann 2009; Seifert 2016; Röthl 2021).