Panel III: Zeigen, Erzählen, Ästhetisieren

Moderation: Juliane Tiffert

 

Die europäisch-ethnologische Forschung betrachtet Erfahrungen als durch Sprache vermittelt. Es herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass es symbolische Ordnungen (v. a. materielle Objekte und Rituale) sind, die Erfahrungen strukturieren und anleiten. Erfahrung interessiert das Fach also auch auf der Ebene der Materialität, der Bilder und der kulturellen Symbole. Das dritte Panel möchte Erfahrung als grundsätzlichste Bedingung jeder Wissenstransferleistung ins Spiel bringen. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf das Verhältnis zwischen Erfahrung und ästhetischem Empfinden und auf Erfahrung ermöglichende Praktiken – sowie das Teilen von Erfahrungen; anvisiert ist die Ebene der Wissens- und Kulturvermittlung ...
 

 

Regina Bendix (Göttingen):
Verinnerlicht, kommuniziert, verhandelt: Ethnographische Zugänge zu „tacit knowledge"*

Erfahrung generiert sich aus Wissen, das sich im Lauf sozialer und lebenspraktischer Zusammenhänge akkumuliert. Der Vortrag leitet aus Fredrik Barths Wissenskonzept und Karl Polanyis Überlegungen zu "tacit knowledge" Brücken zu einer die Sinne mit einbeziehenden Ethnographie ab. Illustriert werden die Erkenntnis- und Vermittlungspotentiale anhand von Beispielen aus der Handwerksforschung und der Pferdezucht.

 

 

Harald Stahl (Karlsruhe):
Ästhetische Naturerfahrung – Atmosphäre – Bedeutsamkeit 

Natur und natürlich anmutende Gegenden werden erfahren in ästhetischer, bildhafter Gesamtheit, als atmosphärisch gestimmte Räume, gegenweltliche Wildnis, sind versehen mit Bedeutungen, eröffnen Möglichkeiten der Imagination. In der kultur- und geisteswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Naturerfahrung wird häufig hervorgehoben, dass lebensweltliche Entfernung von der Natur und fortschreitende Naturbeherrschung Voraussetzungen für das Aufkommen des neuzeitlich-ästhetischen Naturempfindens waren, dass das Erblicken von Landschaft draußen sich der Einübung von Sehweisen aus der Landschaftsmalerei verdanke und die wilde Natur, bevor wir lernten, sie als erhabene Attraktion und gute Gegenwelt zu schätzen, lange als schrecklich und bedrohlich oder nutzlos und öde galt. Wer Natur genießt, befindet sich auf kulturhistorisch gebahnten Wegen. Naturerfahrung vollzieht sich in „Wechselbeziehung von Wahrnehmung und Gedächtnis“ (A. Lehmann), auch was die kulturellen, historischen und biographischen Aufladungen der besuchten Orte betrifft.

Im Beitrag geht es um die Frage, aus welchem ‚Stoff‘ (ästhetische) Naturerfahrung bestehen kann und um das Verhältnis von konkreter Naturerfahrungssituation und Gedächtnis beziehungsweise kulturellem Naturbewusstsein - von Bedeutungen, atmosphärischem Erscheinen und physisch-materieller Präsenz.
 

 

Sibylle Künzler (Basel):
"Erfahrung" als didaktisches Werkzeug der Empirischen Kulturwissenschaft

Basierend auf eigenen Erfahrungen, Beobachtungen und Gesprächen konstatiert der Beitrag die verstärkte Aufmerksamkeit für die akademische Lehre. Neben der Forschung, dem Kerngeschäft der Wissenschaft, werden Fragen zur Hochschulbildung und -didaktik immer wichtiger (vgl. u.a. Teaching Skills-Angebote). Grundlegende sozioökonomische Transformationen und veränderte Wissenszirkulationen – z.B. ausgelöst durch das Expertentum der Praktiker*innen – verlangen nach neuen Kompetenzen in der Wissenschaft. Darüber hinaus scheint der "value of humanities" befragt werden zu müssen (vgl. www.valhuman.org). Da dabei emanzipatorische
und erzieherische Fragen aufgeworfen werden, gilt es das Fach verstärkt auch dort zu erforschen, wo es "vermittelt" wird. Nebst den Inhalten ist dabei das "Wie" besonders
relevant, also die konkreten Lehr-Lern-Settings, innerhalb welcher das Wissen im Austausch zwischen den Dozierende, den Studierende und den dinglichen Akteuren zirkuliert und hergestellt wird.

"Erfahrung" spielt in der Lehre in mehrfacher Hinsicht eine Rolle: z.B. in Form von Vorwissen der Studierenden aufgrund bestimmter Lebens- und Alltagserfahrungen, in Form von z.T. impliziten Lernzielen innerhalb des qualitativen-empirischen Vielnamenfachs, eine Offenheit für Erfahrungen aller Art zu entwickeln, in Form vom autodidaktischen Aneignen von Lehrkompetenzen durch das Sammeln von Lehrerfahrung oder in Form von Verschränkungsversuchen von Theorielektüre mit der Erfahrungsebene etc. Was genau kann aber "Erfahrung" als didaktisches Werkzeug für die Empirische Kulturwissenschaft bedeuten?