Panel IV: Verstehen und Annähern. Method(olog)ische Zugänge

Moderation: Sven Reiß

 

Als empirisch ausgerichtete Disziplin ist die Europäische Ethnologie immer mit der Frage befasst, wie sich Forschende auf methodischer Ebene den Welterfahrungen sozialer Akteur*innen annähern können. Zentral sind die Zugaänge über Sprache/Erzählungen, der Fokus auf Praktiken und Materialitäten sowie die Möglichkeit der Teilnahme am Feld. Das vierte Panel greift die Dimension der Erfahrung unter method(olog)ischen Aspekten auf. Fokussiert sind die Relationen zwischen Narration, Symbolik und Erfahrung. Das Panel steht quasi 'quer' zu den drei vorangegangenen und fragt auch nach theoretischen Positionen, die Methodenansätzen zu Grunde liegen.

 

Valeska Flor (Bonn):
Erfahrungen erzählen. Erzählen im kollaborativen Forschungsprozess zwischen Selbstbeobachtung, Rückvermittlung und Reflexion*

Das alltägliche Erzählen als grundlegende Kulturtechnik ist prädestiniert dafür, um über den performativen Akt des Erzählens agency auszubilden. Dabei ist nicht nur das 'Was wird erzählt' sondern auch das 'Wie wird erzählt' im Erzählprozess von Bedeutung. Über das Erzählen als konstruktive Leistung werden kreative Modelle des persönlichen 'Welt-Verständnisses' erstellt, Erlebnisse re-inszeniert und in Szene gesetzt. Performative Aspekte, wie die Inszenierungen dialogischer Rede, Verfahren der Dramatisierung durch Spannungsaufbau und der Gebrauch von Wiederholungen, Kontrastierungen, Emotionalisierungen, Komik sowie Trauer/Tragik, Perspektivübernahme und Distanzierung, führen im Erzählen zu einer narrativen Abarbeitung von Ereignissen, die als wichtig und erinnerungswertig definiert werden. Die Begriffe Erfahrung und Erfahrungswissen sind hier zentral. Über die Wiedergabe von Erfahrungen haben Erzähler*innen die Möglichkeit, Handlungsmächtigkeit und Kontrolle über das Erlebte zu erlangen, egal welche Voraussetzungen und Rahmenbindungen vorhanden sind. Erzählungen werden in diesem Zusammenhang als kreative Modelle oder mimetische Darstellungen des eigenen Verständnisses der Welt auf dem Hintergrund von Erwartungen, Erfahrungen und Bedürfnisse verstanden (Lucius-Hoene/Deppermann 2002, 29), die wiederum Erfahrungswissen und implizites Wissen bedingen und generieren.

Im Beitrag geht es um das Erzählen als performativen Akt im Forschungsprozess. Methodische Fragen zum kollaborativen Arbeiten zwischen Forschenden und Forschungspartner*innen in der Empirie, vor allem die Zugänglichkeit von Erfahrungen im Forschungsprozess, stehen im Zentrum des Interesse. In diesem Zusammenhang sind unter anderem die Aspekte Rückvermittlung, Selbstbeobachtung und Reflexion des strategisches Charakters im Erzählprozess zentral.

 

 

Mario Podzorski (Bern/Zürich):
Wie umsetzen? Methodische Herausforderungen des Erfahrungsbegriffs für die moderne Militärgeschichte*

Die moderne Militärgeschichte bedient sich rege des Begriffs "Erfahrung" und theoretischer Konzepte, die damit verbunden sind. Doch sie hat noch keine zufriedenstellende Antwort darauf gefunden, wie aus einer Vielzahl unterschiedlicher, teils zufällig überlieferter Quellen die zu untersuchenden "Sinnstrukturen des zeitgenössischen Bewusstseins vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Kontextes" rekonstruiert werden können. Ein Blick in aktuelle erfahrungsgeschichtliche Arbeiten zeigt, dass die praktische Umsetzung nach wie vor nur teilweise gelingt. Die Auswertung von Quellen erfolge unsystematisch und impressionistisch, die Ergebnisse können nicht nachvollzogen werden, so Klaus Latzel; anstelle einer vertieften Analyse verfalle man in ein positivistisches Paraphrasieren.

Wie kann die moderne Militärgeschichte den methodischen Herausforderungen des Erfahrungsbegriffs begegnen? Das Referat will anhand der laufenden Doktorarbeit des Referenten einen Lösungsansatz vor- und zur Diskussion stellen. Um die "Bewusstseinsstrukturen", die beim Erfahren wirkmächtig sind, aus Selbstzeugnissen zu rekonstruieren, bedarf es zweierlei: Erstens ist es nötig, den Erfahrungsbegriff auf sein Wesentliches zu reduzieren. Erfahrung ist vereinfacht zu verstehen als ein Prozess, bestehend aus Wahrnehmen und Deuten, bei dem gesellschaftliche Muster wirkungsmächtig sind. Zweitens ist es nötig, die historische Methode um Anregungen aus Nachbardisziplinen zu erweitern, insbesondere um solche aus der Inhalts-  und der Diskursanalyse. Ein dreistufiges Verfahren, bestehend aus Beschreibung, Analyse und Deutung von Selbstzeugnissen, beantwortet gleichermaßen, was, wie und wieso die jeweiligen AkteurInnen erfahren haben, und wird dem vereinfachten Erfahrungsbegriff gerecht. Dieser Ansatz soll gewährleisten, dass theoretische Überlegungen praktisch umgesetzt und die Ergebnisse der Arbeit an den Quellen nachvollzogen werden können.

Zum Mitschnitt des Vortrags

 

Julian Genner (Freiburg):
Erfahrung. Methodologisch betrachtet*

Erfahrung ist wesentliches Merkmal der Ethnographie. Feldforschungserfahrung impliziert unmittelbaren Kontakt mit einer „authentischen“ sozialen Wirklichkeit. Im Unterschied zum Experiment, das zur Erkenntnisgewinnung kontrollierbare Rahmenbedingungen schafft, verspricht ethnographische Feldforschung Erkenntnisse durch einen gezielten Kontrollverlust: Man begibt sich nicht nur in ein Feld, sondern liefert sich als Forscher*in diesem auch aus. Erfahrung verweist daher auch auf eine Selbsttransformation des/r Forschenden, die gleichzeitig auch auch einen privilegierten Zugang zu den Erfahrungen der Beforschten ermöglichen soll.

Feldforschungserfahrung verbürgt somit auch die (wissenschaftliche, moralische und auch professionelle) Autorität, über die Erfahrungen anderer zu sprechen und diese textuell zu repräsentieren. Der Vortrag untersucht, wie Erfahrung in verschiedenen Konzeptionen von Ethnografie zwischen Forschungspraxis, Kulturtheorie und textueller Repräsentation vermittelt.